Es war einmal ein Internet, das Menschen zusammenbrachte, Erfahrung und Wissen zugänglich machte und eine Plattform für Menschen und Themen war. Doch wie in jeder guten Geschichte zogen dunkle Wolken auf und das Böse gewann an Macht. Die Algorithmen kamen …
Zugegeben, das ist arg vereinfacht und sicherlich auch durch die Nostalgie-Brille gefärbt. Doch wenn ich an die Anfänge von Social-Media zurückdenke, für die Anfänge des Internets bin ich etwas zu jung, assoziiere ich Begriffe wie Vernetzung, Erfahrungsaustausch, Kooperation und Neugier. Heute drängen sich Werbung, Algorithmen, Datenmissbrauch, Fake News, Hatespeech und andere Begriffe dazwischen.
Doch das ist einerseits nicht das ganze Bild und muss andererseits nicht so sein und bleiben. Sowohl das Internet als auch die Social-Media-Netzwerke, der Begriff „soziale Netzwerke“ passt für mich nicht wirklich, sind von Menschen gemacht – und können von Menschen gestaltet werden.
Da die geschätzte Annette Schwindt das hat sie zu #SoSollWeb aufgerufen. Das nutze ich als Anlass, meine Vision eines menschenfreundlichen Internets zu skizzieren.
Ein lebender Artikel – mein Hinweis vorab
Bevor wir zu den Fragen von Annette kommen, ein kurzer Hinweis: Ich habe alle Beiträge, die bisher zu #SoSollWeb erschienen sind, in meiner Leseliste liegen. Gelesen habe ich sie noch nicht.
Diesen Beitrag schreibe ich bewusst unbeeinflusst von den Ideen anderen – zumindest in der ersten Version. Denn nach der Veröffentlichung dieses Artikels werde ich meine Leseliste angehen und diesen Artikel mit Gedanken, Ideen und Notizen zu anderen Artikeln aus der Reihe ergänzen.
So will ich sicherstellen, dass ich zuerst meine unbeeinflusste Vision veröffentliche, dann aber die Ideen und Inspiration der anderen Teilnehmenden nutze.
Es lohnt sich also, hier ab und an reinzuschauen ;).
#SoSollWeb: Meine Vision eines Internets, das den Menschen dient
Annette zählt für mich zu den Urgesteinen des Social Webs. Sie war schon aktiv, als ich meine ersten Schritte in den Social Media machte und gehörte, neben Jochen Mai und einigen anderen, zu den ersten Kontakten, die sich durch mein Eintauchen in die Online-Welt ergaben.
Vieles von dem, was Sie in Ihrem Startartikel zu #SoSollWeb anspricht, resoniert mit mir.
Annette stellt folgende Punkte als Ausgangspunkt von #SoSollWeb bereit:
Bitte beschreibt darin, wie Ihr Euch das Web wünscht, also z.B.
- wie für Euch die ideale Kommunikation im Netz aussieht
- welche technischen Voraussetzungen dafür gegeben sein sollten
- was Ihr selbst dafür tut oder noch tun könnt, Eurem Ideal ein Stück näherzukommen
- wie wir anderen Euch dabei unterstützen können
- wen oder was Ihr dafür ehrlich empfehlen könnt und warum
- welche Apps/Plattformen Ihr dafür nutzt oder Euch noch wünscht
- welche Tipps Ihr für die eigene technische Umsetzung habt, was Ihr (wenn Ihr dabei wart) vor Social Media oder in deren Anfängen gut fandet und welche Aspekte davon vielleicht wieder übernehmen könntet (oder immer behalten habt)
Gute Fragen! Meine kurze Antwort darauf: Wir brauchen ein menschenfreundliches Internet.
Die ausführliche Antwort hat drei Komponenten:
- Technische und strukturelle Voraussetzungen
- Konkrete Handlungsmöglichkeiten
- Meine Tipps und Empfehlungen
Bei allen drei Punkten gehe ich vom heutigen Zustand aus, nicht vom Idealzustand.
1. Technische und strukturelle Voraussetzungen für das menschenfreundliche Internet
Auf der technischen Ebene finde ich den dezentralen Ansatz des Fediverse super. So wichtige Infrastruktur wie Social Media oder Kommunikationskanäle sollte nicht zentral in den Händen weniger Akteure liegen.
Ebenso wichtig: Verschlüsselung. Die aktuelle Entwicklung in verschiedensten Ländern zeigt: Kommunikation muss wirklich privat sein können. Dafür ist wirksame Ende-zu-Ende-Verschlüsselung unverzichtbar.
Strukturell brauchen wir Regulierung und gesetzliche Rahmenbedingungen, die Plattformbetreiber für Hatespeech, Fake News und ähnliche Entwicklungen zur Verantwortung ziehen. Aktuell wird die gesamte Last für eine verantwortungsvolle Nutzung der Plattformen bei den Nutzerinnen und Nutzern abgeladen. Das muss sich ändern.
Mir ist dabei völlig klar, dass Regulierung auch eine Gefahr sein kann. Es kommt immer auf die regulierende Institution und / oder die Ausrichtung der jeweils aktuellen Regierung an. Auch deshalb halte ich dezentrale Infrastruktur und Verschlüsselung für entscheidend.
Auch die Hürde für die Nutzung eigener Online-Präsenzen – also einer eigenen Website oder eines eigenen Blogs – muss weiter sinken. Ja, WordPress und Co. lassen sich inzwischen mit einem Klick installieren. Dennoch ist der Weg für viele Menschen noch zu technisch. Das Potenzial eigener Plattformen muss aus meiner Sicht klar demokratisiert und zugänglich gemacht werden.
2. Konkrete Handlungsmöglichkeiten
Technisch und strukturell wünsche ich mir also recht viel Veränderung auf der Eben des Systems und der Rahmenbedingungen. Doch wenn wir über #SoSollWeb sprechen, dann müssen wir auch miteinander und über unsere Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten sprechen.
Was können wir, damit meine ich alle Nutzerinnen und Nutzer von Social Media und Online-Angeboten – heute schon tun? Hier einige Möglichkeiten zur Inspiration:
- Nutze Alternativen zu den kommerziellen Social-Media-Plattformen, also beispielsweise Mastodons oder Pixelfed.
- Organisationen – ich adressiere hier vor allem Wohlfahrtsverbände und NGO – können eigene Instanzen der Fediverse Plattformen betreiben und so beim Ausbau der Alternativen helfen.
- Nutzerinnen und Nutzer können sich bewusst für europäische Angebote entscheiden und kommerzielle US-Plattformen reduzieren oder gar nicht mehr nutzen.
- Investiert Zeit in die Pflege eurer Feeds und das Training der Algorithmen. Markiert uninteressante Werbung als unerwünscht, interagiert nur mit Inhalten, die euch wirklich interessieren und sorgt so für eine Feed-Hygiene, die die von euch genutzten Social-Media-Plattformen nutzbar und hilfreich machen.
- Wählt Kommunikationskanäle bewusst aus. Ja, Instagram Direktnachrichten sind praktisch, doch Messenger wie Signal sind die deutlich besseren Kommunikationswege.
Diese Liste lässt sich noch sehr lange fortführen, doch schon diese kurze Version zeigt: Es liegt auch an uns, das Internet und Social Media menschenfreundlich zu gestalten.
Ohne strukturelle Veränderung geht es nicht, aber es ist auch zu bequem, sich auf den Das-müssen-Politik-und-Konzerne-regeln-Standpunkt zu stellen. #SoSollWeb bedeutet für mich auch: So gestalten wir es.
3. Meine Tipps und Empfehlungen für ein menschenfreundliches Internet
Meine Tipps sind allesamt mit ein wenig Arbeit verbunden und haben viel mit Verhaltensweisen und Routinen zu tun. Doch alle wende ich selbst an und kann sagen: Zumindest für mich machen sie einen enormen Unterschied bei der Nutzung von Social Media und Online-Diensten.
Bevor ich viele der folgenden Tipps umgesetzt habe, hat mich Social Media immer mehr genervt und gestresst. Inzwischen sind es wieder gut und wichtige Werkzeuge, die mich kaum noch stressen. Ein wenig Belastung ist bei der aktuellen Weltlage nicht zu vermeiden, fürchte ich.
Vielleicht ist bei den folgenden 7 Tipps auch der eine oder andere für euch dabei:
- Wo immer möglich nutze ich Plattformen, deren Geschäftsmodell nicht auf der Nutzung meiner Daten zu Werbezwecken basiert.
- Wenn ich längere Inhalte online stelle, tue ich das bevorzugt auf meinem eigenen Blog. Wenn ich wichtige Inhalte in den Social Media teile, versuche ich, diese früher oder später in meinem Blog zusammenzufassen und hier zu verstetigen.
- Ich nehme mir bewusst Zeit, um die oben bereits genannte Feed-Hygiene bewusst umzusetzen und die Algorithmen zu trainieren.
- Dazu gehört auch eine ehrliche Evaluation der genutzten Plattformen und eine klare Funktionszuordnung. Das ist die Antwort auf die Frage: Wofür nutze ich diese Plattform oder dieses Netzwerk?
- Ich investiere, wo möglich, bewusst in Apps und Dienste, die mir die Werbe- und Trackingfreie-Nutzung gegen Geld ermöglichen. Mein neuester Zugang in dieser Liste: Good-Search.org, meine Standardsuchmaschine.
- Egal, ob ich hier im Blog Artikel schreibe oder auf Social-Media-Plattformen kommuniziere: Ich denke nie in Konkurrenz, sondern immer in Vernetzung. Ich will nicht verkaufen, sondern bin neugierig auf Menschen und suche den Austausch.
- Ich steuere und kontrolliere, welche Werbung ich in meinen Feeds zulasse und womit ich interagiere. Werbung von Marken, von denen ich überzeugt bin, like ich ganz bewusst. Andere blende ich aus und melde sie als irrelevant.
Was bedeutet #SoSollWeb also für mich?
Das menschenfreundliche Internet meiner Vision gibt uns als Nutzerinnen und Nutzern die Wahl zwischen algorithmisch gefilterten und chronologisch ungefilterten Feeds.
In diesem Internet sind die Plattformen für hassschürende, gewaltverherrlichende oder schlicht falsche Informationen verantwortlich und werden durch klare Regeln in ihre Schranken gewiesen.
Es ist aber auch ein Internet, in dem die Menschen sich daran erinnern, dass auf sie auch bei virtuellen Interaktionen mit anderen Menschen sprechen – und entsprechend Rücksicht nehmen und Respekt walten lassen.
Es ist ein Internet, in dem wir so dezentral, verschlüsselt und bewusst wie möglich kommunizieren. Ein Internet, in dem sowohl Social-Media-Plattformen als auch Messenger und Suchmaschinen ihre Geschäftsmodelle transparent kommunizieren und ihre AGB nicht nutzen, um sich das Einverständnis zur Datennutzung zu erschleichen.
Es ist ein Internet, das so funktioniert, wie ich Social Media zu Beginn in Erinnerung habe und wie Mastodon heute für mich ist: Ein Ort faszinierender Möglichkeiten, ein Ort, an dem ich neue Menschen kennenlernen, neue Kontakte knüpfen, lernen und Erfahrungen austauschen kann.
Es ist ein Ort, der primär den Menschen dient, in dem alle Infrastrukturanbieter dem Gemeinwohl verpflichtet sind und Datennutzung transparent gemacht wird.
Ist das utopisch? Vielleicht. Doch wir – damit meine ich sowohl soziale Organisationen als Nutzerinnen und Nutzer – können viel dafür tun, diese Vision real werden zu lassen.
Wird das Internet sich irgendwann komplett von Algorithmen und werbefinanzierten Geschäftsmodelle verabschieden? Ich fürchte nicht. Doch das kann, soll und darf uns nicht davon abhalten, unseren Teil zu tun, es besser zu machen.
#SoSollWeb ist für mich nicht nur eine Aktion, sondern auch eine neue Motivation und Aufgabe: Meinen Teil dazu zu tun, die Vision in kleinen Schritten Realität werden zu lassen.
Lasst es uns angehen.
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